Zur Legitimität von Online-Partizipationsprojekten zur Jugendbeteiligung

Eine zentrale Frage angesichts der derzeit vielfach mit großen Erwartungen verbundenen Partizipationsoptionen im Internet ist, wann oder wodurch solche Projekte bzw. deren Ergebnisse als legitimiert angesehen werden können. Insbesondere, wenn es um die Zielgruppe Jugendliche im Speziellen oder auch Jugendliche als Teil der Gesellschaft geht.

Beim Werkstattgespräch des Projektes youthpart im Oktober 2011 in Berlin wurde diese Frage in einer Arbeitsgruppe andiskutiert und als Teil einer gemeinsamen Dokumentation der Diskussion notiere ich hier einige Gedanken im Nachgang.

Die zunächst eingebrachte Formel „Legitimität erreicht ein Projekt dadurch, dass möglichst viele die Möglichkeit haben, sich einzubringen.“ stieß zwar grundsätzlich auf Zustimmung. Hinsichtlich der konkreten Umsetzung wurde in der Diskussion aber betont, dass dabei unbedingt unterschiedliche Ressourcen und Voraussetzungen von Jugendlichen berücksichtigt werden müssen. Das aktive Vermitteln von Information zum Thema (oder aus der Perspektive der Jugendlichen formuliert: die unterstützte Möglichkeit, sich relevante Informationen anzueignen) stellt dabei nur eine unverzichtbare Grundlage dar. Partizipationsprojekte mit Medien müssen immer mitreflektieren, dass Medienhandlungsweisen sozio-kulturell differenziert sind und wie anschlussfähig die angebotenen Partizipationsoptionen für unterschiedliche Gruppen sind. Am konkreten Beispiel verdeutlicht ist ein textorientiertes Forum mit Abstimmungsmöglichkeiten, das zwar öffentlich und aus technischer Sicht ‚barrierefrei‘ zugänglich ist, zu hinterfragen, da hinreichend belegt ist, dass diese Angebote Barrieren auf der Ebene der Medienumgangsweisen bergen und bestimmte Zielgruppen derartigen Angeboten tendenziell distanzierter gegenüber stehen. Barrierefreiheit greift demnach als Kriterium zu kurz, um zu bestimmen, ob tatsächlich möglichst viele die Möglichkeit hatten sich einzubringen. Vielmehr müssen mindestens zwei weitere Dimensionen betrachtet werden: die Passung mit Medienumgangsweisen der Nutzenden, die erreicht und beteiligt werden sollen, sowie Unterstützungsangebote bei der Partizipation, mit denen Jugendliche ggf. ePartizipation auch erst kennen lernen. Als Unterstützungsangebot dürfte dabei eine online-Ressource (eine FAQ-Liste oder ähnliches) nicht ausreichen. Denn alle bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, dass Angebote, die allein auf online-basierte Optionen wie bspw. eine Webpräsenz setzen, nicht in der sozio-kulturellen Breite der Bevölkerung angenommen werden. Oftmals sind es eher bildungsprivilegierte, also formal höher gebildete Zielgruppen, oder aber bestimmte Szenen, die bei entsprechenden Angeboten aktiv werden.

Ein für mich anregender Impuls war vor diesem Hintergrund die Unterscheidung zwischen Input- vs. Outputlegitimation aus der politikwissenschaftlichen Diskussion. Während sich bei ersterem Legitimation durch ein bestimmten Kriterien entsprechendes Verfahren begründet, fundiert sie sich bei zweitem durch ein gutes und dadurch legitimiertes Ergebnis. In meiner Erinnerung des Gespräches waren wir uns hinsichtlich der Gestaltung von ePartizipationsprojekten einig, dass die Kriterien für die Verfahren weiter zu entwickeln und zu diskutieren sind. Eine erste Bündelung auf Grundlage der Diskussion habe ich mit der folgenden Tabelle versucht.

Zugang Prozess Output
Barrierefreiheit
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Unterstützungsleistungen

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Verbindung von online- und offline-Optionen
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Stellvertreterprinzip (ggf. in der pädagogischen Arbeit über Workshops)
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Verifikation
Tranzparenz
von vornherein

(Regeln sind im Vorfeld bekannt sowie Ziele und Verwendung der Ergebnisse klar kommuniziert)
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Delegation (hier gab es eine lebhafte Diskussion, wie dies zu realisieren ist bzw. was dabei zu beachten sei)
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Austausch mit EntscheidungsträgerInnen (nicht erst als Ergebnis, sondern als Teil des Prozesses, dass sich die EntscheidungsträgerInnen erkennbar mit den Argumenten auseinandersetzen)
Begründung der Entscheidung als Teil des Outputs (steht in Verbindung mit dem Austausch mit EntscheidungsträgerInnen)
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Bildungsprozesse bei den Jugendlichen(Emanzipation und Selbstermächtigung als Ziele)

Ein zentrales Qualitätskriterium, das die Legitimität eines ePartizipationsprojektes komplett unterlaufen kann, ist die Form der Partizipation. Ein Projekt nach dem Motto ‚Have your say – and we do what we planned anyway‘ verdeutlicht, dass es sich bei derartigen Projekten eigentlich gar nicht um Partizipation handelt. Fehlformen von Partizipation können keine legitimierten Ergebnisse begründen. Hilfreich ist hierbei die Differenzierung unterschiedlicher Formen von Partizipation (siehe Wagner 2009 oder UAG Partizipation im Dialog Internet 2011). Unterschieden wird hier zwischen:

  • Formen der Beteiligung von Teilhabe bis Mitbestimmung
  • Formen der Selbstbestimmung und Selbtorganisation
  • Fehl-Formen, in denen Kinder und Jugendlichen nicht selbst entscheiden können

Zu diskutieren wäre in der Folge, ob den unterschiedlichen Stufen von Partizipation auch unterschiedliche Qualitäten der Legitimität der Ergebnisse zugerechnet werden können. Eine Entscheidung, bei der man nur mitwirken (bspw. kommentieren) konnte, hat aus Sicht der beteiligten Subjekte sicher einen anderen Grad an Legitimation als eine Entscheidung, bei der man selbst an der Entscheidung selbst beteiligt war und ‚bestimmen‘ konnte. Aufbauend auf den oben genannten Mindestvoraussetzungen (Zugangs- und Barrierefreiheit, Information und Unterstützungsangebote) erscheint mir die Frage nach den realisierten Partizipationsformen die zentrale zu sein. Sie kann allerdings nur in einer differenzierten Betrachtung des Prozesses wie auch der Umsetzung der Ergebnisse bewertet werden. Legitimation in ePartizipationsprojekten kann demnach nie im Voraus (anhand bestimmter Kriterien) bestimmt werden, sondern immer erst abschließend im Rückblick. Kriterien (bspw. in der oben skizzierten Sammlung) können allerdings zur Einschätzung dienen, ob Aussicht auf Ergebnisse besteht, die als legitimiert bewertet werden können.

Edit-Info: Dies ist eine ergänzte Version eines früheren Blogposts.

a situation where it’s better for the advertiser – Privatsphäre aus der Sicht eines Investors

Ich bin ein großer Fan von Daniel Jones Podcasts aus dem Berkman Center for Internet & Society der Harvard Law School geworden. Die Folge 147 „Digital Hermits and the People Who Scare Them (Adventures in Anonymity III)“ ist ein Zusammenschnitt eines Interviews mit David Hornik, der seinerseits Investor von Start-Up-Unternehmen (u.a. blippy.com) ist. Insofern finde ich dieses Interview sehr spannend, da es Einblicke hinter die Kulissen von neuen Internetdiensten ermöglicht. Ich empfehle das Interview gesamt anzuhören.

Zwei Aspekte finde ich besonders interessant, zu denen ich jeweils Ausschnitte aus den Antworten transkribiert habe.

Die Notwendigkeit der Preisgabe von persönlichen Informationen, um einen bestimmten Dienst nutzen zu können, trifft das Kernproblem der aktuellen Debatte um Privatsphäre. Dabei wird mit der Forderung und Förderung der Selbstverantwortung der Nutzenden zwar einereits ein wichtiges medienpädagogisches Ziel verfolgt, aber zugleich (auch in der deutschen Diskussion) der Fokus von der Verantwortung der Anbieter und Dienstegestalter abgelenkt. Vor diesem Hintergrund finde ich die Äußerung von David Hornik in diesem Zusammenhang besonders spannend, da er die Verantwortung der Anbieter einräumt und die Bedeutung von Dienstegestaltung und Voreinstellungen sogar betont.

„Here is an internet experience that you enjoy. And we – the internet company that’s providing it to you – have made a set of decisions about how to treat your information as privat or otherwise. And the experience you get is influenced by those decisions we’ve made and if you like that experience you don’t really worry that much about these sets of privacy trade-offs.“
David Hornik in Radio Berkman 147 – 04:44

Bewegen wir uns angesichts immer weitergehender ‚privacy trade-offs‘ hin zu einem ’no-privacy land‘?
David Hornik beschreibt diebezüglich, wie er im persönlichen Gebrauch differenziert zwischen Informationen, die er nicht preisgeben will, und anderen, bei denen er einen Mehrwert sieht, wenn er sie veröffentlicht. Dennoch zeigt er sich besorgt, wenn er an seine eigene Kinder denkt, was aus einer medienpädagogischen Perspektive betrachtet natürlich besonders spannend ist. Das folgende Zitat ist etwas länger. Mir war es aber wichtig es im Zusammenhang stehen zu lassen, da es verdeutlicht, dass natürlich nicht allein der Nutzwert für die Nutzenden ein Motor für die Weiterentwicklung von Onlinediensten ist (was ja auch vergleichsweise naiv wäre), sondern gerade die Nutzung der Daten in (neuen) Werbeformen diese Entwicklungen für Investoren attraktiv werden lässt.

„My big concern with my children is that because they have come into this as if this is normal, then they won’t even question it, they won’t even think about it. They go just like ‚oh of course, throw out my data, it’s all good‘ and they would buy things that they might otherwise think twice about.
Whereas you and I have started in privacy land and we are marching towards no-privacy land and so these are reasonable questions. And so: From where I sit,… The first thing you post is advertising. I have to say, that one of the reasons that I love this trade-off between privacy and utility and why I’m perfectly happy to give up privacy in this respect is that: I want better ads – I like better ads. I don’t have any problem with someone saying: We should send an ad for a particular car, when David is looking for a car. Or we should – you know, the fact that my youngest child is now eight – don’t send me an ad for diapers, I just don’t need it. And if you can use my data to know that I don’t need that – great! If you know that my wife is a fanatic about Paris and you can send me an ad about something in Paris that is interessting and I wouldn’t have otherwise seen, I see that as an utility, an incredible value. A value to me even though it is also a value to the advertiser. And so I think that by using this data we’re gonna get in a situation, where it’s better for the advertiser and it’s better for the consumer. And that would be great.“
David Hornik in Radio Berkman 147 – 15:43

Konkret benennt Hornik hier einen Grund, wofür Anbieter die Informationen nutzen können, mit wem man eine Beziehung führt (wie es auch im schuelerVZ möglich ist anzugeben vgl. VZlog.de). Aber dies ist ja nur ein Beispiel von vielen. Das Zusammenspiel von Werbung und Diensteanbietern ist natürlich für viele Angebote die notwendige wirtschaftliche Grundlage, ohne die die Dienste nicht (scheinbar) gratis angeboten werden könnten. Über die tatsächlichen Hintergründe bspw. wie jeweils Daten ausgewertet werden etc. sind Informationen für die Nutzenden aber nur spärlich zu finden. Für Jugendliche habe ich bislang noch kaum eine verständliche und zugleich aussagekräftige (kritische) Aufbereitung gefunden.

Hier besteht dringender Handlungsbedarf, denn es geht nicht allein darum, dass man keine Partybilder im Netz veröffentlichen sollte. Die Möglichkeiten, Daten auszuwerten, sind wesentlich differenzierter. Welche Daten unproblematisch veröffentlicht werden können ist dabei letztlich nach wie vor (und vermutlich weiterhin) völlig unklar, wie das Beispiel der Wasserflaschen im Interview zeigt. Es kommt auf die Interpretation und Bewertung der Daten an, wird im Interview gesagt. Das stimmt. Nutzende sollten aber auf jeden Fall die Souveränität besitzen oder dazu ermächtigt werden, selbst und bewusst zu bestimmen, welche Daten interpretiert und bewertet werden können. Und dazu zählt auch, möglichst große Kontrolle darüber zu haben, welche Daten wie veröffentlicht werden. (Der Fairness halber zum Abschluss noch ein Beispiel, bei dem dies sehr gut umgesetzt wurde: Die Apps im schülerVZ, bei denen in Visitenkarten bestimmt werden kann, welche Daten weitergegeben werden. So ist gut nachvollziehbar und eine bewusste Entscheidung, was für wen sichtbar wird. vgl. Informationsangebot im schülerVZ zu den Apps)

„Jugend – Medien – Identität“ erschienen

Wie gestalten Jugendliche ihre Identitätsarbeit in und mit aktuellen Medienwelten? Der von Helga Theunert herausgegebene Sammelband „Jugend – Medien – Identität. Identitätsarbeit Jugendlicher mit und in Medien“ ist erschienen und verbindet Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen (Medienpädagogik, Jugendsoziologie, Medienwissenschaft und Psychologie).

Buchcover jugend-medien-identität
Buchcover jugend-medien-identität

Enthalten ist auch ein Beitrag von Christian Herrmann und mir. Darin blicken wir vor der Folie der Identitätsarbeit Jugendlicher auf die Gestaltung und Arbeit mit pädagogischen Online-Communitys am Beispiel von netzcheckers.de.

Hintergrund dazu: Christian Herrmann ist Redakteur beim Jugendportal netzcheckers.de. Das JFF begleitet das Projekt nun schon seit Dezember 2006 und mittlerweile in der zweiten Projektphase.

Der Beitrag stützt sich zum einen auf die Projekterfahrungen im Betrieb des Portals und zum anderen auf die Ergebnisse der Evaluation.

Eine Übersicht über alle Beiträge gibt’s beim Verlag: http://kopaed.de/kopaedshop/index.php?PRODUCT_ID=645