#Netzneutralität aus medienpädagogischer Perspektive

Der GMK-Bundesvorstand hat am 24. Juni 2013 ein Positionspapier zur Netzneutralität aus medienpädagogischer Perspektive verabschiedet und veröffentlicht. Einsehbar ist es hier: http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/netzneutralitaet_stellungnahme_gmk.pdf

Netzneutralität wird derzeit als eines der zentralen netzpolitischen Themen angesehen, das auch die Inhalte medienpädagogischer Arbeit betrifft: das Potenzial des Internet für politische und kulturelle Teilhabe, für internetgestützte Bildung und die Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Informationen.

Die Veröffentlichtung des Positionspapiers fand am selben Tag statt, an dem auch im Petitionsausschuss des deutschen Bundestags die Anhörung zur Online-Petition von Johannes Scheller stattfand. Diese Petition erreichte in nur drei Tagen das notwendige Quorum, um im entsprechenden Ausschuß des Bundestags gehört zu werden. Sie ist damit eines der Beispiele, welche Potenziale das Internet für die politische Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern hat. (Ein Ausschnitt aus den Tagesthemen vom 24.06.2013: http://www.youtube.com/watch?v=JmkHIz8wsmA&feature=player_embedded)

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Zur Legitimität von Online-Partizipationsprojekten zur Jugendbeteiligung

Eine zentrale Frage angesichts der derzeit vielfach mit großen Erwartungen verbundenen Partizipationsoptionen im Internet ist, wann oder wodurch solche Projekte bzw. deren Ergebnisse als legitimiert angesehen werden können. Insbesondere, wenn es um die Zielgruppe Jugendliche im Speziellen oder auch Jugendliche als Teil der Gesellschaft geht.

Beim Werkstattgespräch des Projektes youthpart im Oktober 2011 in Berlin wurde diese Frage in einer Arbeitsgruppe andiskutiert und als Teil einer gemeinsamen Dokumentation der Diskussion notiere ich hier einige Gedanken im Nachgang.

Die zunächst eingebrachte Formel „Legitimität erreicht ein Projekt dadurch, dass möglichst viele die Möglichkeit haben, sich einzubringen.“ stieß zwar grundsätzlich auf Zustimmung. Hinsichtlich der konkreten Umsetzung wurde in der Diskussion aber betont, dass dabei unbedingt unterschiedliche Ressourcen und Voraussetzungen von Jugendlichen berücksichtigt werden müssen. Das aktive Vermitteln von Information zum Thema (oder aus der Perspektive der Jugendlichen formuliert: die unterstützte Möglichkeit, sich relevante Informationen anzueignen) stellt dabei nur eine unverzichtbare Grundlage dar. Partizipationsprojekte mit Medien müssen immer mitreflektieren, dass Medienhandlungsweisen sozio-kulturell differenziert sind und wie anschlussfähig die angebotenen Partizipationsoptionen für unterschiedliche Gruppen sind. Am konkreten Beispiel verdeutlicht ist ein textorientiertes Forum mit Abstimmungsmöglichkeiten, das zwar öffentlich und aus technischer Sicht ‚barrierefrei‘ zugänglich ist, zu hinterfragen, da hinreichend belegt ist, dass diese Angebote Barrieren auf der Ebene der Medienumgangsweisen bergen und bestimmte Zielgruppen derartigen Angeboten tendenziell distanzierter gegenüber stehen. Barrierefreiheit greift demnach als Kriterium zu kurz, um zu bestimmen, ob tatsächlich möglichst viele die Möglichkeit hatten sich einzubringen. Vielmehr müssen mindestens zwei weitere Dimensionen betrachtet werden: die Passung mit Medienumgangsweisen der Nutzenden, die erreicht und beteiligt werden sollen, sowie Unterstützungsangebote bei der Partizipation, mit denen Jugendliche ggf. ePartizipation auch erst kennen lernen. Als Unterstützungsangebot dürfte dabei eine online-Ressource (eine FAQ-Liste oder ähnliches) nicht ausreichen. Denn alle bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, dass Angebote, die allein auf online-basierte Optionen wie bspw. eine Webpräsenz setzen, nicht in der sozio-kulturellen Breite der Bevölkerung angenommen werden. Oftmals sind es eher bildungsprivilegierte, also formal höher gebildete Zielgruppen, oder aber bestimmte Szenen, die bei entsprechenden Angeboten aktiv werden.

Ein für mich anregender Impuls war vor diesem Hintergrund die Unterscheidung zwischen Input- vs. Outputlegitimation aus der politikwissenschaftlichen Diskussion. Während sich bei ersterem Legitimation durch ein bestimmten Kriterien entsprechendes Verfahren begründet, fundiert sie sich bei zweitem durch ein gutes und dadurch legitimiertes Ergebnis. In meiner Erinnerung des Gespräches waren wir uns hinsichtlich der Gestaltung von ePartizipationsprojekten einig, dass die Kriterien für die Verfahren weiter zu entwickeln und zu diskutieren sind. Eine erste Bündelung auf Grundlage der Diskussion habe ich mit der folgenden Tabelle versucht.

Zugang Prozess Output
Barrierefreiheit
.
Unterstützungsleistungen

.
Verbindung von online- und offline-Optionen
.
Stellvertreterprinzip (ggf. in der pädagogischen Arbeit über Workshops)
.
Verifikation
Tranzparenz
von vornherein

(Regeln sind im Vorfeld bekannt sowie Ziele und Verwendung der Ergebnisse klar kommuniziert)
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Delegation (hier gab es eine lebhafte Diskussion, wie dies zu realisieren ist bzw. was dabei zu beachten sei)
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Austausch mit EntscheidungsträgerInnen (nicht erst als Ergebnis, sondern als Teil des Prozesses, dass sich die EntscheidungsträgerInnen erkennbar mit den Argumenten auseinandersetzen)
Begründung der Entscheidung als Teil des Outputs (steht in Verbindung mit dem Austausch mit EntscheidungsträgerInnen)
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Bildungsprozesse bei den Jugendlichen(Emanzipation und Selbstermächtigung als Ziele)

Ein zentrales Qualitätskriterium, das die Legitimität eines ePartizipationsprojektes komplett unterlaufen kann, ist die Form der Partizipation. Ein Projekt nach dem Motto ‚Have your say – and we do what we planned anyway‘ verdeutlicht, dass es sich bei derartigen Projekten eigentlich gar nicht um Partizipation handelt. Fehlformen von Partizipation können keine legitimierten Ergebnisse begründen. Hilfreich ist hierbei die Differenzierung unterschiedlicher Formen von Partizipation (siehe Wagner 2009 oder UAG Partizipation im Dialog Internet 2011). Unterschieden wird hier zwischen:

  • Formen der Beteiligung von Teilhabe bis Mitbestimmung
  • Formen der Selbstbestimmung und Selbtorganisation
  • Fehl-Formen, in denen Kinder und Jugendlichen nicht selbst entscheiden können

Zu diskutieren wäre in der Folge, ob den unterschiedlichen Stufen von Partizipation auch unterschiedliche Qualitäten der Legitimität der Ergebnisse zugerechnet werden können. Eine Entscheidung, bei der man nur mitwirken (bspw. kommentieren) konnte, hat aus Sicht der beteiligten Subjekte sicher einen anderen Grad an Legitimation als eine Entscheidung, bei der man selbst an der Entscheidung selbst beteiligt war und ‚bestimmen‘ konnte. Aufbauend auf den oben genannten Mindestvoraussetzungen (Zugangs- und Barrierefreiheit, Information und Unterstützungsangebote) erscheint mir die Frage nach den realisierten Partizipationsformen die zentrale zu sein. Sie kann allerdings nur in einer differenzierten Betrachtung des Prozesses wie auch der Umsetzung der Ergebnisse bewertet werden. Legitimation in ePartizipationsprojekten kann demnach nie im Voraus (anhand bestimmter Kriterien) bestimmt werden, sondern immer erst abschließend im Rückblick. Kriterien (bspw. in der oben skizzierten Sammlung) können allerdings zur Einschätzung dienen, ob Aussicht auf Ergebnisse besteht, die als legitimiert bewertet werden können.

Edit-Info: Dies ist eine ergänzte Version eines früheren Blogposts.

Das ist Netz ist für alle da – Projekt zum Social Web mit (lern-)behinderten Jugendlichen

Gestern gab es nun nach langer Planungsphase endlich den Startschuß für ein neues Projekt:

Ich, meine Freunde und das Online-Netzwerk
Aktive Medienarbeit zur Förderung eines souveränen Medienumgangs von lernbehinderten Jugendlichen im Social Web

Entstanden ist die Idee für das Projekt aus einer Fortbildung für die Lehrkräfte einer Förderschule hier in München. Mit der Frage, wie ein Angebot für die Schülerinnen und Schüler aussehen könnte, haben wir gemeinsam dieses Projekt auf die Beine gestellt, in dem das Social Web aus Sicht von lernbehinderten Jugendlichen im Fokus steht: Was sind die Faszinationspunkte, die sie begeistern? Wo begegenen sie Herausforderungen oder sehen sie Probleme?

Diese und weitere Fragen wollen wir in dem Projekt mit den Jugendlichen gemeinsam bearbeiten und Medienprodukte dazu erstellen. Dabei können wir uns auf die Erfahrungen des Projekts „ausdrucksstark“ des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis sowie des Medienzentrum Parabol stützen.

Besonders neugierig bin ich natürlich, wie die Jugendlichen die Möglichkeiten des Social Webs insbesondere für die Identitätsarbeit, die soziale Integration und Teilhabe für sich nutzen. (siehe auch unser Projekt Web 2.0 als Rahmen für Selbstdarstellung und Vernetzung Jugendlicher) Denn gerade mit Blick auf die Zielgruppe lernbehinderte Jugendliche, gibt es bislang nur sehr wenige Erkenntnisse, welche Potenziale auch für sie eine Chance sind, aber auch wo gerade diese Zielgruppe weitere Unterstützung braucht. Vielleicht können wir mit diesem Projekt ja unter der Beteiligung der Jugendlichen selbst einen Beitrag leisten.

Ich bin sehr gespannt auf die weitere Arbeit und werde hier sicher weiter über den Projektverlauf berichten.